Als Kind in der Thüringer Provinz wurde mir früher eine unüberschaubare Anzahl bratwurstlastiger Themen um die Ohren gehauen. Überhaupt bestimmte dieses, im Rohzustand glibberige, gebraten superfettige und gegrillt gutriechende Dingsda viele Wochenenden und Festtage. Dabei wurde im Familien- und Bekanntenkreise nicht nur bemerkt, dass es die „echten“ Thüringer Bratwürste eben nur in Thüringen – damals noch ein imaginäres Gebilde – gäbe, sondern auch darum gestritten, welcher Metzger die besten Würste machte.

Lang, dünn und trocken oder kurz, dick und fettig? An dieser Stelle drängen sich dem Autor gerade Assoziationen aus anderen Bereichen des Lebens auf … Mein näheres Umfeld stand auf lang, dünn und trocken – die Metzgerei hieß „Leifer“ und hatte gefühlt eine 825-jährige Familientradition hinter sich. Beim „Leifer“ musste man bestellen, sonst ging gar nix. Dann wurde die wabbelige Ware in den Garten verfrachtet und wartete auf die Folter im Grillfeuer. Die hungrigen Gäste warteten auch und luden sich schon mal den vorbereiteten Kartoffelsalat auf den Teller. Der war durchgezogen und damit wunderbar matschig und mir fallen fast alle bunten Zutaten ein – so oft gab es diesen Kram.

Am Grill standen Männer! Auch selbstbewusste und emanzipierte junge Frauen, die diese Rolle dann und wann übernahmen, spulten männliche Rituale herunter. Also Bierflasche auf, schütteln und den Strahl aufs Gebrät richten. Auch hier lässt der Autor gerade seinen Assoziationen freien Lauf. Ein paar Außenseiter mit Namen „Rostbrätel“ verirrten sich auch auf dem Grill – für all jene, die keine Bratwurst aßen. Eine empathische Geste des jeweiligen Gastgebers.

Im Rückblick bin ich mir nicht sicher, ob die Thüringer Bratwurst in mir traumatische Momente erzeugte oder eine nette Erinnerung ist. Irgendwo dazwischen, würde wohl ein berühmtes und durchreflektiertes Schlitzauge sagen.

Mit dem Mauerfall und der Möglichkeit, nun ständig rund um die Welt zu reisen, kam mir die „echte“ Thüringer Bratwurst auch wieder ins Gedächtnis zurück. Und wie! Meine erste Reise in den Westen ging nach Kassel, wo ich am Bahnhofsvorplatz auch gleich einen Stand sah: „Echte Thüringer Bratwürste“. Da ich als ausgemergelter Ossi großen Hunger verspürte, holte ich mir dort für viel Begrüßungsgeld eben eine solche Thüringer Wurst aus Hessen und war – gelinde gesagt – enttäuscht. Dick, fettig und mit Senftüte, aus der ich einen grünen Wurm drücken konnte. Was für ein Dilemma! Und doch war meine Zeit als Wurstverteidiger begrenzt und ich wurde über die Jahre ein Dönerfan („saffe Sosse – mid alles?“) im deutschen Einheitsgewurschtel.

Die Vergangenheit holt uns immer wieder ein – sagt man so unüberlegt. Und kürzlich in Weimar war das auch irgendwie so. Einen guten Döner fand ich nicht, dafür „echte“ Thüringer Bratwürste. Dieser Duft …. hm! Dann holte ich mir heißhungrig so einen Riemen mit Brötchen auf die Hand – und mir wurde schlecht. Irgendwie schien meine Psyche samt Gedärm nicht mehr auf diese Wurst geeicht. Eventuell hatte ich durch diese Aktion meinen Frieden mit dem „Feind in meinem Mund“ gemacht und weiß seitdem, dass der Döner die wahre Bratwurst ist.

Trivia: Seit 2004 ist „Thüringer Rostbratwurst“ eine geschützte geografische Angabe. Das älteste bekannte Rezept befindet sich im Hauptstaatsarchiv Weimar. Es stammt aus der „Ordnung für das Fleischerhandwerk zu Weimar, Jena und Buttstädt“ vom 2. Juli 1613. 2006 krönte die Stadt Suhl erstmals einen Bratwurstkönig von Thüringen.

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