„Duett – Musik für den Recorder“ hieß die Parole. Mehr oder weniger Sternchen schafften es so in alle DDR – Musikkisten mit Namen „Sonett“, „Anett“, „Babett“ oder „R 4100“. Hervorgegangen war das „Jugendradio DT 64“ aus dem Jugendstudio „DT 64“ des „Berliner Rundfunks“. Der Name ging auf das letzte „Deutschlandtreffen der Jugend“ 1964 zurück. 1965 verlangte der damalige Vorsitzende des FDJ-Zentralrats Erich Honecker eine engere Anbindung an die FDJ. Dieser Spagat machte den Sender bis zum Ende der DDR unauffällig anders und war zudem die einzige einheimische Möglichkeit, die Hits des Westens zu hören.

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Ein Interview von Andreas Ulrich mit Karl – Heinz „Kalle“ Neumann, dem ersten Moderator von DT 64: Mit dem Sonderprogramm „DT 64“ während des Deutschlandtreffens 1964 war ein Volltreffer geglückt. Zeitungen aus der Bundesrepublik sprachen von einer „Wunderwaffe“. Was war denn so ungewöhnlich an DT 64? Diese 99-Stunden-Programm in den Pfingsttagen 1964 war für damalige Verhältnisse fast eine Revolution im DDR-Radio. Das fing schon damit an, daß plötzlich vier Tage und Nächte durchweg live moderiert wurde. Bis zu dieser Zeit waren praktisch fast alle Sprechertexte vorher auf Tonband gesprochen worden. Auf einmal waren da Leute aus dem Radio zu hören, die hatten Witz, waren schlagfertig und sprachen nicht irgendwie gestelzt, sondern Alltagssprache. Und dann, weiß der Teufel, wie die Techniker das hinbekamen, meldeten sich ununterbrochen Reporter live aus allen Ecken der Stadt. Es gab sogar einen schwimmenden Ü-Wagen, der war auf einem Dampfer der Weißen Flotte. Und es gab ja genug zu berichten.

Und DT 64 war immer dabei, nichts wurde ausgespart. Antworten von DDR-Ministern kamen auf einmal live über Funk, und man merkte wie sie ins Schwitzen kamen. DT 64 registrierte alles, auch die Lyriklesung in Adlershof vor gesamtdeutschen Publikum mit Volker Braun und Wolf Biermann, Heinz Kahlau und Günter Wünsche, Jens Gerlach und Adolf Endler, Sarah und Rainer Kirsch. Überall sollte DT 64 sein, fragen, recherchieren, Wünsche erfüllen, Musik bringen – und auf einmal war ein Jugendsender da, der von manchen, der ihn in der S-Bahn zu hören bekam, als Westsender identifiziert wurde, weil doch nach landläufiger Meinung ein DDR-Sender trocken, langweilig, ledern und monoton zu sein hatte. Freie Meinungsäußerung und die Beatles im DDR-Radio.Woher hatte DT 64 plötzlich die Westmusik?

Die erste Westmusik hatten wir noch kurz bis vor unserem Sendestart einfach aus der Luft, also über einen normalen Rundfunkempfänger bei Westberliner Sendern mitgeschnitten. Die An- und Absagen der Moderatoren wurden dann fein säuberlich abgeschnitten. Und schon war eigentlich kein Unterschied mehr zu hören. Musik bei Westsendern mitzuschneiden, war übrigens kein Auftrag der Chefetage im DDR- Rundfunk. Wir haben auch damals, wie übrigens auch in späteren Jahren, nicht viele Fragen gestellt beim Beschaffen der Musik. Und weil es so schwer vorstellbar war, daß es gerade für die Musikwahl keine Vorschriften „von ganz oben“ geben sollte, haben selbst im Rundfunk viele Leute geglaubt, der Beat auf DT 64 ist sozusagen direkt von Walter Ulbricht befohlen worden.

Die meisten begehrten Scheiben brachten in den ersten Monaten Freunde und Verwandte aus Westberlin mit … Wie ging das zusammen? Stimmt, das war ein Problem. Aber es gibt Dutzende Amateurbands, die bereits heftigen Beat spielten, damals in der DDR. Besonders im Süden des Landes traf man die jedes Wochenende in den Tanzsälen. Aber weder der Rundfunk noch die Plattenfirma AMIGA hatten Titel mit den Gitarrenbands produziert. Da zogen DT 64-Redakteure los mit einem normalen Tonbandgerät und einem Mikrofon. So kamen die ersten Titel etwa mit den legendären Butlers oder den Sputniks in unser Programm. Die Aufnahmen waren natürlich technisch bescheiden. Aber erstens sendete DT 64 damals in Mono, und zweitens sagten sich viele Hörer: Lieber schlecht produzierte Gitarrenmusik als nur Robby Lind wie ein damaliger Schlagersänger hieß.

Aber diese Mitschnitte reichten dann nicht mehr … Wenn wieder mal eine Band aufgelöst worden war, meist wegen angeblicher Steuerhinterziehung, sammelte sie die verbliebenden Musiker ein. Und die Band startete unter neuem Namen. So wurden dann 1967 schon wieder 17, 1968 49, 1969 70 und schließlich 1970 über 170 Titel im Rundfunk produziert. Kultgruppen der DDR in den 60er Jahren waren zum Beispiel die Theo-Schumann-Combo, das Klaus-Lenz-Sextett, die Gerhard-Stein-Combo, das Günther-Fischer-Quartett, die Alexanders oder das Joco-Dev-Sextett. Seit dem Sommer 1965 mehrten sich die Anzeichen, dass der kurze Frühling in der DDR zu Ende gehen würde … Dass hinter den Kulissen Pläne ausgearbeitet wurden, sogenannte „Beat-Gammler“ in Arbeitslager zu stecken, das hat bei DT 64 keiner geahnt.

Und so dachten viele im Dezember ’65 eher an ein gigantischen Mißverständnis. Mit dem Dezember-Plenum 1965 wurde ein zarter Ansatz zur Schaffung eines menschlichen Sozialismus zerstört: Filme wurden verboten, Bücher nicht gedruckt. Wolf Biermann und Robert Havemann waren zu Stattsfeinden erklärt worden, im DDR-Fernsehen wurde das beliebte Magazin Prisma entschärft. Warum überlebte ausgerechnet DT 64? Dass DT 64 nicht einfach verschwand, wie damals viele kritische Filme und Bücher, lag sicher auch an der großen Popularität des Programms. Und sicher glaubte die Honecker-Fraktion, DT 64 zukünftig zuverlässig für ihre starre Propaganda nutzen zu können, was zum Teil sicher auch gelang.

(Quelle: „DT 64 – das Buch zum Jugendradio 1964 – 1993“ von Andreas Ulrich & Jörg Wagner (Hrsg.)

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