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Die Nachricht über den Tod von Christoph Schlingensief hat mich gestern zwischen Abendessen und Kurt Krömer erreicht und beschäftigt, nicht schockiert. Schlingensief hat es nun also doch geschafft und scheint irgendwie „da oben“ im Olymp angekommen. Dort, wo Wagner-Stoffe angesiedelt sind, in der Draufsicht der Götter.

Früher war Schlingensief anarchisch, provozierte das Kultur-Establishment, zeigte seine intellektualisierte Sicht der Dinge „von unten“ – und das gnadenlos. Das war im „Deutschen Kettensägenmassaker“ ebenso zu sehen, wie bei „U 3000“, dem TV-Kontrapunkt (lief auf MTV) zur TV-Spaßgesellschaft.

In Erinnerung ist mir auch die Aktion „Chance 2000 – Dialog im (Berliner Polit-)Zirkus. „Wähle dich selbst“ hieß der Slogan und war gleichzeitig ein kultureller Abgesang auf Verlogenheit und Unglaubwürdigkeit der großen Politik, in der man damals – 1998 – so tat, als ob der Wechsel zu „Rot“ und „Grün“ die Rettung aus dem Übel wäre. Wahre Schröderisten nebst Gegner freilich konnten nur schmunzeln über Schlingensief, da sie ihn nicht verstanden.

Doch Schlingensief wollte – aus meiner Sicht heraus – oben ankommen, wahrgenommen werden. Wenn man aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt, scheint das oft so. Er sah sich als Aufklärer, Prediger und Mahner zugleich. Der Riss in sich selbst war tief und mit den Jahren wurde aus dem Revoluzzer manchmal ein Schaf im Wolfspelz …

… und da war schlußendlich Wagner. Er inszenierte den „Parsifal“ in Bayreuth und wird wohl gespürt haben, dass sich der Kraftakt – eben „da oben“ angekommen zu sein – nicht wirklich lohnte für den Menschen Schlingensief. Sein öffentliches Sterben dagegen erzeugte Sympathien und Anerkennung, vor allem bei denen „da unten“. Das hatte vielleicht auch Schlingensief selbst nicht auf dem Schirm.

In einem Interview für den „Spiegel“ unter dem Titel „Ich habe keinen Bock auf Himmel“ reflektierte er sich noch einmal selbst, war Sterblicher und Schlingensief zugleich.

Machs gut, C.S. …

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