Unser Leben ist ein Probelauf für eine zweite Chance – oder doch nicht? Dabei füllen wir das Leben mit Hektik, Konsum und allerlei Nichtigkeiten, sparen auf „SPÄTER“, halten uns fit für „SPÄTER“ und planen detailliert unsere Ziele für … „SPÄTER“. Und seit frühesten Tagen frage ich mich: Wann ist eigentlich „SPÄTER“? Persönliche Rückblende: Meine Freundin und ich saßen in der nachschulischen Sonne und schmiedeten Pläne. Zunächst mal ein Kind, später vielleicht ein zweites – aber bitte nicht zu spät.

„Am besten schmeiße ich mein brotloses Studium und schule auf einen Job um, der wirklich gebraucht wird, der eine Zukunft hat. Der Sohn vom Erwin um die Ecke hat schließlich auch umgeschult und arbeitet jetzt bei Audi in Ingolstadt. Hm … Audi wäre eine Idee und immerhin bräuchten wir mit Kind und Kacks ja ein großes Auto. Und Du? Bewirb Dich doch schon mal bei der Kanzlei Ficker & Rade, die suchen immer Angestellte. Und mit Zahlen kannst du umgehen und später noch eine Fortbildung durchziehen – irgendwas mit Finanzen. Wird schon gehen, der Plan für „SPÄTER“ jedenfalls steht.“

Da war dann noch dieses Haus, was den ganzen Lebensplan hell erleuchtet und in Stein einrahmen sollte. Ein Neubau? Nur im Notfall, eher die Jugendstilvilla am Stadtrand. Klar, das dabei ein fetter Kredit fällig wird – doch den können wir mit unseren tollen Jobs bei Audi und Ficker innerhalb der nächsten siebenundvierzig Jahre locker zurückzahlen. Machen doch alle so.

Aber wann ist denn nun „SPÄTER“?

Ein Blick in die Historie unserer Spezies zeigt, dass wir Menschen das irdische Dasein oft als Übergang in ein anderes, besseres Leben betrachteten. Im Jenseits würden dann Glück, Erfüllung und überhaupt goldene Zeiten warten. Die alte Sehnsucht nach dem Jenseits wurde in der Moderne nicht wirklich abgeschafft, sondern durch blödsinnige Zielsetzungen eingetauscht. Quasi die „Zielvereinbarung für SPÄTER“. Ein krummer Deal, der uns im Mix mit der kindlich-drohenden Ankündigung „… wenn ich groß bin, dann aber …“ übrigens mächtig zu schaffen macht.

Schließlich können ein noch so hohler, letztendlich aber verworfener Plan Frustration und der selbstgesteckte Siebzehnjahresplan bei Nichterfüllung Überforderung hervorrufen. Am Ende bleiben dann nur noch Pillen, Couch oder Eso-Marianne, um die Richtung wenigstens etwas zu relativieren.

Ich persönlich konnte meinen grandiosen Zukunftsplan übrigens zu etwa 9,7 Prozent umsetzen: Mit einem Kind, dass inzwischen eigene Wege geht und sicher selbst an „SPÄTER“ bastelt. Der Rest des Plans war etwa so unrealistisch, wie die Vorstellung, ich könnte Stalin und Goethe gemeinsam zum Tee einladen und den beiden die Hände schütteln. Kein Haus, kein Audi, keine Superkarriere – und auch die Freundin gibt’s längst nicht mehr. Warum auch? Wie langweilig wäre mein kurzes Leben bis hierhin, wenn alles so gekommen wäre, wie in meinem jugendlichen „SPÄTER-Plan“.

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