„Ich wollte einen reformierten Osten und bekam die BRD“ … so oder ähnlich kriecht es wieder einmal reflektierend durch meine Gedanken, wenn sich TV-Wendedokus inklusive „echter“ Zeitzeugen einmal mehr die mittelmäßigen Sendeplätze sichern und PolitikerInnen an das Geschenk der Wiedervereinigung erinnern. Vorsorglich erinnern sie dabei auch daran, dass dieser Prozess – trotz großer Anstrengungen – noch lange nicht abgeschlossen sei.

Eine aufregende Zeit war das `89 und `90 unbestritten. Von einer nebligen Zukunft in der DDR mitten hinein ins ungewisse Glück eines mir bis dato unbekannten Gesellschaftsgebildes. Nein, angekommen bin ich nie so recht in dieser merkwürdigen BRD, wo inzwischen nach über zwanzig Jahren ganz selbstverständlich ein „Beitritt“ als „Wiedervereinigung“ gefeiert wird. Doch es ist nicht alles schlecht: Der dritte Oktober ist offizieller Feiertag und in den Kleingärten qualmt das Grillgut hier und da noch einmal bis in den Himmel. „Abgrillen“ sozusagen.

Vorbeugen ist besser als heulen

Manch vorwitziger Kolumnist versucht in diesen Tagen zu erklären, warum die alte BRD ohne eine „voreilige Wiedervereinigung“ die Eurokrise hätte besser meistern können. Gleichzeitig warnt die Politik vor zunehmendem Rechtsextremismus in Ostdeutschland und stellt aufgrund der „demographischen Entwicklung“ die Notwendigkeit klar, künftig viele „Fachkräfte“ aus dem Ausland vor allem in diesem Landstrich ansiedeln zu wollen, ja ansiedeln zu müssen. Diese Meldungen, die strategisch an der Zeitachse hin zum deutschen Feiertag laufen, sind vorbeugend und machen mich nachdenklich. Wie war das also damals nochmal? Und wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Geschichtsstunde

Sicher: Die alte Führungsclique der DDR hatte abgewirtschaftet und mit ihr ein – in der Theorie – vielversprechendes Gesellschaftsmodell, welches einseitig interpretiert und ideologisiert wurde. Ein Land, in dem die Propaganda Gleichheit suggerierte, diese aber real nicht existierte. Es gab sie auch in der DDR, „die oberen Zehntausend“ … und den Rest. Es gab Hausbesitzer mit Westgolf, Leute mit allerlei nützlichen Beziehungen und Eltern, die ihren Kindern zu Weihnachten Südfrüchte bieten konnten. Da waren auch in Ungnade gefallene Bürger („Assis“), die sich als Kohlefahrer verdingen durften und solche, die sich dem Druck durch viel Alkohol oder Ausreise zu entziehen versuchten. Die Abstimmung erfolgte mit den Füßen, das Ende ist bekannt.

Sicher auch: Die alte BRD steckte in einer tiefen Krise. Kohlscher Reformstau und Misstrauen in die Politik prägten den vermeintlich goldenen Westen jener Tage. „Geistig-moralische Wende“, „Atempause“ in der Sozialpolitik sowie „weniger Staat, mehr Markt“ waren Schlagworte dieser Zeit. Die Abkehr von den bisherigen staatlichen Regulierungsmaßnahmen in der BRD-Wirtschaft und die Peilung der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf neoliberale Bedürfnisse sollten die BRD „wettbewerbsfähig“ machen und die Arbeitslosenrate verringern. Statistisch pendelte diese allerdings zwischen acht und neun Prozent und sank erst – kurzfristig – in den Wendetagen.

Die Ressourcenjagd im Osten kann man heute durchaus auch als einen ersten „Wiederaufbau West“ deklarieren. Unzählige Führungspositionen Ost wurden „geköpft“ und ebenso schnell mit westdeutschem Personal besetzt, „Amtshelfer“ sicherten inklusive „Buschzulage“ im Osten ihre Jobs. Westdeutsche Franchise-Glücksritter sowie gefühlte 17 Millionen Autohändler und Videothekenbesitzer kurbelten vor allem die eigene Wirtschaft an. Die Antworten für den Osten hießen „Treuhand“, „ABM“, „Umschulung“ und „Beschäftigungsgesellschaften“. Die Politik allerdings überschätzte den Osten völlig und zwanzig Jahre und viele Autohäuser später wird sie von den damaligen Problemen in europäischer Dimension eingeholt.

Soviel Historie braucht einen persönlichen Bezug

Mein Heil suchte auch ich damals in der Offensive – bewerben, bewerben, bewerben. So erinnere ich mich an mein erstes Vorstellungsgespräch im hessischen Bad Hersfeld, wo die Straßen nicht nach Trabi dufteten und der Süff der Sechziger mit sanierten Fachwerkfassaden eine eigentümliche Liason schmiedete. Vor mir saßen drei beschlipste Herren und erklärten mir die Welt, ihre westdeutsche Welt. „Bei uns läuft das hier so und so und so …“. Das Gespräch gestaltete sich zur Stilfrage und endete als Eigenpräsentation der Firmenvertreter. Abgesehen davon, dass mir diese geschmacklosen Einheitsanzüge nebst Binder und Firmen-Krawattennadeln in Erinnerung blieben, sagte mir dieser Tag in etwa, wo es nun langgehen könnte.

Schließlich durfte ich dann für einen Großhandel aus Franken (in meiner Freizeit) völlig unterbezahlt Kleintransporter fahren und die Lieferung in den Osten bringen. Dabei machte der Chef unmissverständlich klar, dass er ohne die „Wende“ hätte einpacken können. Der neue Ostmarkt zauberte ihm dagegen irgendwie täglich ein Lächeln ins Gesicht.

Ossi trifft auf Wossi

Zahlreiche Vorstellungsgespräche später (wahlweise für eine Festanstellung oder einen neuen Auftrag) stelle ich heute fest, dass sich kaum etwas verändert hat. Halt, ich sagte „kaum“, denn inzwischen gibt es auch mal einen „Wossi“, der alle schlimmen Ost/West-Krankheiten in sich vereint. Etwa der Typ aus Sachsen-Anhalt, der über Kiel, Wuppertal und München eine supertolle Karriere hingelegt und seinen Firmensitz nun nach Berlin, 3. Hinterhof, verlegt hat. Heute erklärt er mir, dass es für mich sehr schwer sei, mit Mitte Vierzig noch etwas „Anständiges“ zu bekommen. Er deutet mir damit an, dass ich besser sein mieses Angebot annehmen und meine Stundensätze noch einmal überdenken sollte. Das tue ich dann doch nicht.

Bei ihm, so scheint es, hat sich inzwischen ein echtes „Wiedervereinungsgefühl“ eingestellt.

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