Ich erlebe nunmehr wiederholt eine deutsche Jubeleinheitsfeier. Doch was gibt es eigentlich zu feiern? Wachsen die beiden deutschen Teile noch immer zusammen oder ist es eher die Gewohnheit einer langweiligen Ehe? Am „Tag der deutschen Einheit“ der Versuch einer ganz persönlichen, schwarz-rot-güldenen Betrachtung. Seit 1990 bin ich nun Bürger eines Landes, in dem ich weder meine Kindheit noch meine Jugend lebte und auch nicht die ersten Schritte ins Erwachsenendasein machte

Zugegeben, ein etwas abgedroschener Gedanke von „Heimatverlust“ ging mir schon öfter durch den Kopf – doch ist es nicht so? War mir die Bundesrepublik Deutschland nach dem 3. Oktober 1990 übergangslos eine neue Heimat? War sie nicht.

Nein, die DDR wollte ich damals so nicht behalten. Ich träumte zu Wendezeiten von einem reformierten Land ohne Mauer inklusive betonierter Tattergreise und nicht von einem Anschluß an einen Staat, in dem regulierungswütige Bürokraten Verwaltungs-Dauerschleifen-Gesetze geschaffen hatten, die mich um den Verstand und mein Geld brachten.

Dieses, nicht wiedervereinte (das ist nämlich historisch inkorrekt), sondern neu verbundene deutsche Konstrukt sah anfangs tatsächlich den Westen im Vorteil. Jagdzeit! Auf ostdeutschen Wiesen schossen improvisierte Autohäuser in den Himmel, wo der ungeschulte und aus Westsicht „unclevere“ Ossi so manche Rostlaube abstaubte und das Geld so wieder zurückbrachte. In ostdeutschen Leitungspositionen fanden sich prompt westdeutsche „Experten“ ein, die „Amtshelfer“ genannt und nur scheinbar auf einen Kurzeinsatz vorbereitet wurden. Dieser sollte vielerorts inzwischen noch mehr als zwei Jahrzehnte andauern.

Betriebe wurden eingestampft und als „unrentabel“ klassifiziert. Einen Rettungsschirm gab es offenbar noch nicht. Mein damaliger Punchingball trug Goldrandbrille, Anzug und Krawattennadel und fotografierte den ostdeutschen Plattenbau, als ob er so etwas mieses zuvor noch niemals gesehen hätte.

Und die Ossis?

In meiner Wahrnehmung waren es vor allem die damals um-die-40 bis 60jährigen Ostdeutschen, die den „Wohlstand für Alle“ wählten oder die DDR einfach frühzeitig verklärten – und beides taten sie auch schon in der DDR selbst. Wie auch immer, sich an einen „Vater Staat“ zu ketten schien das Ende der ewigen Suche dieser väterlosen Nachkriegsgeneration nach der starken Hand, die sie festhalten sollte. Ich erinnere mich an ein „… virtzüsch Johre belooochen un betrooochen …“ in Dauerschleife, als ob dies eine Rechtfertigung darstellen würde.

Blühende Landschaften und Kulturfabriken, Umschulung und ABM oder Videotheken waren Schlagworte dieser Zeit, die dennoch eine leicht chaotisch anmutende Aufbruchstimmung vermittelte – wenn man das so sehen wollte. Ich wollte.

Spätestens mit der Abwahl des „ewigen“ Kanzlers Kohl und der Intronisierung des „Medienkanzlers“ Schröder wich für mich diese gefühlte Aufbruchphase der neunziger Jahre einer Zeit, die von politischem Niedergang und europäischer Unsinnigkeit geprägt sein sollte.

Einer dieser beiden Männer hinterließ den Deutschen schwere und vertragliche Bürden, an denen das Land eines Tages zerbrechen könnte, der andere zeigte, dass Macht wichtiger ist, als jede Tat. Ein echter Superstar!

Das mit Frau Merkel eine Frau den Kanzlerposten erklomm, war ein Gewinn für die deutsche Politik und noch wichtiger war ihre erste Amtszeit gemeinsam mit den Sozis. So hatte auch Deutschland seine „Koalition der Willigen“, die mir irgendwie eine neue politische Stabilität vermittelte.

Und heute?

Die Schlagworte heißen Euro und Rettungsschirm, Hartz IV und Zeitarbeit oder einfach Supertalent. Frau Merkel schreibt Initiativ-Bewerbungen an Banken und Konzerne, um für den Fall der Abwahl gewappnet zu sein und Piraten entern das selbstgefällige Schiff der Grünen, deren Wählerklientel vor allem im öffentlichen Sektor zu finden ist und den Kapitalismus genießt. Aus dem Zusammenfließen der politischen Farben heraus fände ich eine Umbenennung in „Bunte Republik Deutschland“ eher passend

Und eben dieses Land ist am 3. Oktober 2011 ein Transitort in der Mitte Europas, eine ampelfreie, große Kreuzung in alle Himmelsrichtungen, wo getrieben gerast und überholt wird – ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Land, dessen Identitätsfindung sich im Fähnchenschwenken bei Fußball-Großereignissen erschöpft und „Nationalstolz“ quasi schon ein Begriff aus der rechten politischen Ecke ist. Wo Linke in der Politik aktiv Sozialabbau betreiben und Konservative schon mal vom europäischen Einheitsstaat ohne eigene Verantwortung träumen.

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