1989: Fall der „grünen“ Mauer

Die Grenze zwischen Vacha und Philippsthal in einer DDR-Schulkarte.

In diesen Tagen finden – gefühlt – drei Millionen Veranstaltungen zum 30jährigen Berliner Mauerfall-Jubiläum statt, geben Politiker reichlich Worthülsen von sich und plaudern F-Promis über ihre ganz persönlichen Wendeerfahrungen als Beinahe-Revolutionäre. Die Erinnerung an den Fall der „grünen“ Grenze, ein damals immerhin fast 1400 Kilometer umfassender „antifaschistischer Schutzwall“, kommt dagegen etwas zu kurz. Vielleicht ist das auch gut so.

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Am 9. November 1989 rückte ich ganz planmäßig und schon vorabgefrustet zur Nachtschicht in meine VEB-Kali-Grube „Ernst Thälmann“ im thüringischen Merkers ein. Kein schlechter Job zur Überbrückung bis zum Studium meinte ich, doch jeder Tag war mir persönlich einer zu viel. Das schwarze Loch, was sich nach meiner DDR-Militärzeit auftat, war einfach zu groß, als das es irgendein ein Job füllen konnte.

Grenzöffnung zwischen Vacha und Philippsthal am 11./12.11.1989

Irgendwann trat dann ein erfahrener Facharbeiter – ich meine, er hieß „Möller“ – in den Pausenbunker und brüllte: „Leute, die Mauer in Berlin ist auf!“. „Wie jetzt?“, „Hää?“, „Blödsinn!“. Ungläubiges Staunen in der Runde der Dreckhände mit Waschpastegeruch. Und da lag auf einmal ein Hoffnungsschimmer nebst Leichtigkeit in der stickigen und trockenen Luft „Unter Tage“. Mein damaliger Meister, ausgerechnet ein ehemaliger NVA-Offizier, blickte leicht verunsichert in die bis dato geschlossenen Arbeiterreihen und mahnte an: „Und das mir nächste Woche alle pünktlich wieder hier sind.“

Noch im Frühjahr 1990 gab es an der Grenze Visa-Stempel in den DDR-Ausweis.

Am Sonntag, den 12.11.1989, ging es ins nunmehr gelobte Land. Ins hessische Philippsthal. Meine ersten Eindrücke im Westen werde ich wohl bis ans Ende meiner Tage abgespeichert wissen: Es roch anders, die Luft schien sauberer und die „Thüringer Bratwurst“ war – inklusive gelbgrünem Senf – nicht schmackhaft. Auf der DDR-Seite der Werra war diese Wurst schließlich eines der wenigen unpolitischen Kulturgüter, die obendrein noch genießbar waren. Das ein Philippsthaler „Edeka“-Markt geöffnet hatte und kostenlos Bananen abgab, sei nur noch kurz und nebenbei bemerkt.

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